Rezension: Der Ozean am Ende der Straße |Neil Gaiman

Rezension: Der Ozean am Ende der Straße |Neil Gaiman

31. Mai 2019 8 Von Petrissa

Inhalt:

Nach einer Beerdigung zieht es den namenlosen Helden zurück zum Ort seiner Kindheit. Nun sitzt er „am Ozean am Ende der Straße“ und denkt zurück an den Jungen, der er einmal war.

 

Vor allem war er als Kind nicht besonders glücklich. Er zog sich zurück in die Welt der Bücher und lernte früh, dass Erwachsene sich nicht groß um eine Kinderseele scheren.

 

Dann lernte er die wenig ältere Lettie Hempstock kennen, die mit ihrer Mutter und ihre Großmutter in er Nähe auf einem Bauernhof lebte. Durch Lettie und ihre Familie lernt er eine magische, mystische und gruselige Welt kennen, durch die er bald bedroht wird.

Meine Meinung:

Ich war erst mal ein bisschen verwirrt, da ich etwas ganz anderes erwartet hatte. Ich hatte mir eine Art Märchen vorgestellt, den Ozean als Portal in eine andere bezaubernde Welt.

 

Doch die Wesen, die unserem Protagonisten begegnen, sind alles andere als bezaubernd. Sie sind gruselig und gewaltvoll.

Mir hat das Buch sehr gut gefallen, aber es hat gedauert, bis ich all das mystische richtig einordnen konnte. Denn diese andere Welt wird nicht erklärt. Durch einen Fehler der Kinder wird eine Art Dämon freigesetzt. Das Wesen wird so nicht bezeichnet. Lettie verteidigt das Wesen eher, dass es nur das tut, was seine Natur ist.

 

Das Gaiman hier nicht die (für mich) vertrauten Begriffe, wie z.B. Dämon, verwendet, hat es mir am Anfang schwer gemacht, dennoch hatte es den unwiderstehlichen Reiz des Neuen.

Die Übermacht der Erwachsenen

Ich erzähle dir jetzt was Wichtiges. Erwachsene sehen im Innern auch nicht wie Erwachsene aus. Äußerlich sind sie groß und gedankenlos, und sie wissen immer, was sie tun. Im Innern sehen sie allerdings aus wie früher. … In Wirklichkeit gibt es gar keine Erwachsenen. Nicht einen auf der ganzen weiten Welt.

Dieser „Dämon“ nistet sich in der Familie des Protagonisten ein und alle lieben diese Figur, da niemand, außer unserem Protagonisten natürlich, seine wahre Natur erkennt. Nun werden die Erlebnisse des Ich-Erzählers noch traumatisierender und die Übermacht der Erwachsenen wird so sehr deutlich.

Vielleicht haben es manche Erwachsenen vergessen, aber ich denke, jeder hat in seiner Kindheit irgendwann einmal die Erfahrung gemacht, dass man als Kind der Macht der Erwachsenen hilflos ausgeliefert ist. Dieser Teil nimmt für mich in dem Buch eine große Rolle ein, ohne dabei aber zu erdrücken. Ich hatte immer eine Distanz, die in meinen Augen auch notwendig ist, um die Hilflosigkeit des Kindes und die gedankenlose Macht des Erwachsenen zu reflektieren.

 

Da gab es eine Szene, die das in meinen Augen ganz gut ausdrückte. Der Vater des Ich-Erzählers wurde in seiner Kindheit immer verprügelt. Für ihn war das so schlimm, dass er seinen Sohn nie schlug und der Meinung war, der Sohn solle dankbar dafür sein.

Doch er schrie ihn oft in Grund und Boden, was für den Ich-Erzähler genau so unerträglich war, wie einst die Schläge für den Vater.

Irgendwann traute sich der Ich-Erzähler, als er scheinbar eh nichts mehr zu verlieren hatte, seinen Vater zu fragen, ob er sich dabei gut fühle, ihn so lange anzubrüllen, bis er vor Angst nur noch ein kleines Häufchen ist.

Als Erwachsene müssen wir uns bewusst werden, was für eine Macht wir auf Kinderseelen haben und damit sehr, sehr vorsichtig umgehen.

Ein weiterer Aspekt ist die Freundschaft zwischen dem Ich-Erzähler und Lettie. Lettie und ihre Familie auf der Farmen waren der warme Gegenpol zu dem, was der Ich-Erzähler auf einmal erdulden muss. Das tat richtig gut. Zu wissen: Es besteht immer irgendwo auf der Welt ein Funke Helligkeit, der einem hilft, wenn die Nacht über einen herein stürzt.

Fazit:

Wenn man es schafft, sich auf das einzulassen, was fern ab unseres Verständnisses und wohlvertrauten entsteht, kann man sich auf ein wunderbares Buch freuen, dessen Botschaft tief geht.

 

5 ♥ ♥ ♥ ♥ ♥

Der Ozean am Ende der Straße

Autor: Nail Gaiman

Verlag: Bastei Lübbe (2016)

ISBN-10: 3404173856

Seiten: 320

Alter: ab 14

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