Vor – Urteile

Vor – Urteile

6. November 2018 21 Von Petrissa

Ich möchte heute gerne mit ein paar Vorurteilen aufräumen. Manche scheinen so alt wie die Bundesrepublik zu sein, andere neu entfacht durch die Flüchtlingsthematik.

Wir können nicht alle Flüchtlinge aufnehmen!

Stimmt. Tun wir auch gar nicht.  

Laut dem Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen für Menschenrechte (englisch United Nations High Commissioner for Human Rights, UNHCHR) sind weltweit 65 Millionen Menschen auf der Flucht. Mehr als am Ende des 2. Weltkrieges.

Davon habe im Jahre 2016  745.545 Menschen in Deutschland einen Asylantrag gestellt. (Quelle:Bundesamt für Migration und Flüchtlinge). Nicht mehre Millionen, wie es so oft heißt.

Betrachtet man die absolute Zahl der anerkannten Flüchtlinge 2015 in Europa, liegt Deutschland mit 141.000 Menschen vorne. Es folgen Schweden (32.200), Italien (29.600), Frankreich (20.600), die Niederlande (16.400) und Österreich (15.000).


Rechnet man aber die Zahlen auf die Bevölkerung um, ändert sich die Reihenfolge: Pro Tausend Einwohner nahm Schweden 3,3 und die kleine Mittelmeerinsel Malta 2,9 Flüchtlinge pro tausend Einwohner auf. Deutschland, die Schweiz, Österreich und Dänemark kommen dabei auf 1,7 Flüchtlinge im Durchschnitt. (Quelle: Mediendienst Integration)


Die meisten Flüchtlinge kommen aber weder in Deutschland, Österreich oder der EU an. Mehr als 86% bleiben in den Entwicklungsländern. 


Eine Flucht nach Europa ist teuer und lebensgefährlich. 


Die meisten Flüchtlinge leben (Stand Ende 2016) mit 2.869.400 Menschen in der Türkei. Das ist viermal so viel wie in Deutschland.  Auf die Bevölkerung und die Fläche des Landes umgerechnet, führt der Libanon. Dort sind 1,2 Millionen Syrer amtlich als Flüchtlinge erfasst und Hunderttausende, die nicht gemeldet sind. Ein Drittel der Bevölkerung. Dazu ist der Libanon nur halb so groß wie Hessen.

Asylbewerber bekommen mehr (Geld) als Deutsche

Das höre ich wirklich oft. Dieser Irrglaube hält sich hartnäckig. 

Eine Person im Asylverfahren bekommt Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz.
Einmal hat ein Asylbewerber das Recht auf Leistung zur Deckung “des notwendigen Bedarfs”. Kleidung, Strom, Nahrung. Da Flüchtlinge in der ersten Zeit in Sammelunterkünften leben, wird dies durch Sachleistungen gedeckt.
Ein erwachsener Flüchtling bekommt lediglich 135€ Taschengeld für den persönlichen Bedarf. Leben mehrere Erwachsene in einem Haushalt, sinkt das Taschengeld.

Lebt ein Flüchtling in einer eigenen Wohnung, ist das Geld natürlich höher, da er Dinge wir Kleidung und Essen selbst bezahlen muss. Doch unter dem Strich bekommt er mit 354€ weniger als ein Hartz IV Empfänger, der 404€ bekommt.
Für ein Kind bis zu sechs Jahren gibt es 214 Euro (Hartz IV: 237 Euro).
Für Kinder zwischen sechs und 13 Jahren gibt es insgesamt 242 Euro (Hartz IV: 270 Euro).
Jugendliche im Alter von 14 bis 17 Jahren bekommen 276 Euro (Hartz IV: 306).

In den Asylunterkünften bekommen die Flüchtlinge Kleiderspenden. Darunter können natürlich auch Markenkleider sein.

Die Flüchtlinge nehmen uns die Wohnungen weg

Bezahlbarer Wohnraum ist knapp. Ja, das war er schon vor 2015.
Die Städte haben sich zu lange nicht mehr um Sozialbauwohnungen gekümmert. Die Flüchtlingskrise hat die Problematik nur deutlicher hervorgehoben. Und ist es nicht gut, dass nun etwas getan wird? Hätte es die Krise nicht gegeben, würden vielleicht immer noch keine Wohnungen gebaut werden. Und das die Städte das nicht vorher getan habe, dafür können die Flüchtlinge nichts.

Durch den Verteilungsschlüssel können sich Flüchtlinge überhaupt nicht aussuchen, wohin sie gehen.

In Sachsen-Anhalt steht jede 10. Wohnung leer. Unabhängig vom Verteilungsschlüssel würde es sicher weder für die Bevölkerung noch für die Flüchtlinge zur Entspannung beitragen, wenn wir sie in eine Gegend setzen, in der die meisten Ausländer hassen und die Flüchtlinge nicht mal alleine zum Einkaufen gehen könnten, ohne Angriffen ausgesetzt zu sein.

Die Flüchtlinge sind kriminell und gefährlich

Einzelne, dramatische Fälle wühlen auf und schüren dieses Vorurteil.

Natürlich gibt es Flüchtlinge, die kriminell sind. Genau so wie es Deutsche gibt, die kriminell sind.

Natürlich gibt es Flüchtlinge, die sich an Frauen vergehen. Genau so gibt es Deutsche, die sich an Frauen vergehen. Hier wie dort gibt es die Bösen und die Guten.


Und zum Glück überwiegen auf beiden Seiten die Menschen, die nur in Frieden leben wollen.


Statistisch gesehen gibt es im Übrigen auch keinen Hinweis darauf, dass Flüchtlinge mehr Straftaten begehen als andere Einwohner. 2015 ist die Kriminalitätsrate um 0,1% gestiegen. 2016 um 0,7% gefallen.


Balkan-Flüchtlinge haben keinen Schutzbedarf

Balkan-Flüchtlinge sind sehr unbeliebt und viele glauben, sie kommen nur her, um zu schmarotzen. Dabei haben Balkan-Flüchtlinge oft sehr wohl einen Grund für Asyl.
Besonders Sinti und Roma werden in ihren Heimatländern diskriminiert und stigmatisiert. Sie erhalten keinen Wohnraum, leben in Slums und bekommen nur mangelhafte Gesundheitsversorgung. Zum Teil wird ihnen der Zugang zur Bildung verwehrt und Politiker hetzen öffentlich über sie.
(Quelle: t-online)

Wir alle haben Vorurteile. Beamte sind faul, Schwaben geizig, Frauen parken schlecht ein, Italiener sind gute Liebhaber. Es sind Klischees, die wir aus Witzen, der Werbung und unsere Umgebung übernehmen. Gehirnpsychologisch ist das völlig klar. Alles was wir in Kategorien und Schemata packen können, bedeutet für das Gehirn weniger Arbeit = Energie. Und das Gehirn versucht ständig Energie einzusparen, um für die wirklich wichtigen Aufgaben genügen Energie zu haben. -Nämlich schlicht zu überleben.


Doch gefährlich werden Vorurteile, wenn sie ganze Gruppen von Menschen ausgrenzen und bedrohen. Hier sind wir in der Verantwortung uns selbst gegenüber, unseren Mitmenschen und unseren Kindern, wachsam und achtsam zu bleiben! Uns zu informieren, bevor wir uns an einer Aussage beteiligen und diese weiter verbreiten.


Es ist verständlich, wenn Menschen in dieser schnelllebigen Zeit Angst bekommen. Werte und Normen verändern sich und die ganze Welt ist im Umbruch. Doch es darf nicht sein, dass unsere Angst in Hass umschlägt und wir die letzten Reste von Anständigkeit verlieren.

Bleibt offen. Bleibt im Gespräch mit anderen. Hört zu, erkundigt Euch bei seriösen Stellen nach den Fakten. Und erst dann bildet Euch ein Urteil. Und vergesst nie, dass der Mensch „auf der anderen Seite“, der Fremde mit der dunklen Hautfarbe, die gleichen Ängste und Sehnsüchte habt wie Ihr! Mag sein, dass er kein Schwein isst. Aber hey, das machen Vegetarier auch nicht.

Ladet den Nachbarn doch einfach mal zu Rindergulasch oder Spagetti mit Gemüsesoße ein. Zu Limo und Tee. Du kannst Dein Bier ja trinken. Aber es schmeckt Dir doch nicht weniger, wenn der Nachbar lieber zum Tee greift.

Nimm es an, dass wir alle unterschiedlich sind.

……Was spielen die Gründe schon für eine Rolle. ……

In dem Sinne: Für eine friedliche Zukunft!





Morgen geht es dann weiter bei Monerl.
Sie stellt Euch ein Buch vor, dass die Hintergründe der heutigen
Situation in Syrien erklärt und Lösungsansätze bietet.
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