Rezension: 1949 | Christian Bommarius

Rezension: 1949 | Christian Bommarius

24. April 2019 2 Von Petrissa

1949 - Das lange deutsche Jahr

Christian Bommarius hat hier ein sehr interessantes und aufschlussreiches Werk geschrieben, von der Währungsreform im Sommer 1948, über die Staatsgründung der DDR und der BRD, die Entstehung der Verfassung bis hin zu einem Gesetzt Ende 1949, das bestimmte Nazi-Verbrecher begnadigt.

 

Man denkt ja oft naiv, dass alle froh gewesen sein müssen, dass die Terrorherrschaft zu Ende war, der Krieg vorbei. Doch wie wenig die Deutschen für Demokratie bereit waren, wird in den Geschichtsbüchern selten erzählt. Vor vielen Jahren habe ich in dem Buch „Freiheit ist mehr als ein Wort“ von Hildegard Hamm-Brücher erstmals gelesen, dass es keineswegs so war, wie sich die Nachkriegsgenerationen das immer ausmalen und die Nazis in allen Ämtern verteilt.

 

Doch was Bommarius schreibt, hat mich wirklich sehr schockiert.

„Die US-Miliärregierung in Deutschland gibt bekannt, dass rund 60 Prozent der Richter und 76 Prozent der Staatsanwälte in Bayern ehemalige Mitglieder der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) sind.“

Was für Folgen entstehen daraus? Die Nazis werden reihenweise freigesprochen oder so milde bestraft, dass sie nach einem halben Jahr Haft frühzeitig entlassen werden konnten. Während jüdische Menschen immer noch bestraft wurden oder kleine Verbrecher die Todesstrafe bekamen.

Viele persönliche Beispiele

Die Kapitel im Buch sind durch die Monate gegliedert und Bommarius schildert die Ereignisse an vielen persönlichen Beispielen von kleinen Leuten. Dabei werden auch ganz alltägliche Begebenheiten geschildert, wie dass das Brathähnchen auf dem Oktoberfest 8-15 Mark kostet oder Briefauszüge von Thomas Mann.

Er schildert den Kampf um die Abschaffung der Todesstrafe und den Kampf um die Gleichstellung der Frau. Hier willigten die Männer erst ein, als ihnen bewusst gemacht wurde, dass mehr als 50 Prozent ihrer Wähler*innen Frauen sind.

Durch diese vielen Beispiele wirkt das Erzählte sehr nachdrücklich. Aber auch sehr bedrückend. Es hat mir zum Teil echt die Luft geraubt.

 

Wären die Alliierten nicht gewesen, so scheint es, hätte es keine Demokratie gegeben.

Das Buch ist in einzelne Abschnitte gegliedert und kein komplett zusammenhängender Text. An sich hat mir das sehr gut gefallen. Allerdings wurden auch Textbausteine, die inhaltlich eigentlich zusammen gehören, auseinander gerissen. So das man nie wusste, fängt im neuen Abschnitt nun ein komplett anderes Thema an oder gehört es noch zu dem, was man eben gelesen hat. Das war auch nicht immer gleich beim ersten Satz zu erkennen und das hat das Lesen oft schwierig gemacht.

 

Auch ansonsten gab es immer wieder Abschnitte, die nicht einfach zu lesen waren. Lange Sätze, viele Nebensätze, da musste ich mich sehr konzentrieren.

Deutschland schafft sich ab! - Hoffentlich!

Das Nachwort ist sehr berührend.

Dir Forderung der Welt damals an Deutschland war, dass Deutschland sich abschafft.

„Deutschland schafft sich ab – damit die Bundesrepublik werden kann. Das war die Hoffnung erst einiger weniger Bundesbürger, heute ist es die Lebensbasis der jungen und der älteren Generation, zumindest einer großen Mehrheit.

Eine wieder wachsende Minderheit unwandelbarer Deutscher mag das anderen sehen, barmt um die nationale Identität und warnt, wie vor einigen Jahren der gleichnamige Bestseller eines unerschrocken rassistischen Autors: Deutschland schafft sich ab!

Die Bundesbürger wissen: Das war und ist keine Drohung, das ist unsere Zuversicht. Und es bleibt die Aufgabe der Bundesdeutschen auf Dauer.“

Fazit:

Wenn auch emotional und sprachlich nicht immer leicht zu lesen, doch ein sehr informatives und faktenreiches Sachbuch, das deutlich macht, wie es im Deutschland der Nachkriegsjahre aussah. „Mit anderen Worten: Am Ende des langen deutschen Jahres, das im Sommer 1948 begonnen hatte, war in Deutschland zwar eine Demokratie entstanden. Aber die Demokraten folgten erst Jahre später.“

 

4 ♥ ♥ ♥ ♥

1949 – Ein langes deutsches Jahr

Autor: Christian Bommarius

Verlag: Droemer HC (3. September 2018)

ISBN-10: 3426277611

Seiten: 320

Ich danke dem Verlag herzlich für dieses Rezensionsexemplar.

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