Rezension: Die Stadt der Träumenden Bücher | Walter Moers

Rezension: Die Stadt der Träumenden Bücher | Walter Moers

17. Februar 2019 6 Von Petrissa

Inhalt:

Der junge Lindwurm und Dichter Hildegunst von Mythenmetz erbt ein Manuskript, dessen Inhalt perfekt ist. Literatur, wie es sie kein zweites Mal gibt. So macht er sich auf nach Buchhaim, um nach diesem Schriftsteller zu suchen.

Buchheim ist die Stadt der Bücher. Hier gibt es ein Antiquariat neben dem anderen und sie haben rund um die Uhr geöffnet. An jeder Ecke gibt es Dichter, die aus ihren Werken rezitieren. Hier gibt es Bücher die leben und Bücher, die ein Lebewesen töten können.

In Buchhaim gibt es eine Stadt unter der Stadt. Mehrere Tagesmärsche hinab reichen die Katakomben, die voll mit Büchern sind. Hier herunter wagen sich nur die härtesten Wesen, den dort unten ist es sehr gefährlich. Dort leben Kreaturen, denen man nicht im Traum begegne möchte.

Hildegunst bleibt nichts anderes übrig, als in dieses Labyrinth zu steigen.

Meine Meinung:

Dieses Buch ist wirklich Sprachkunst auf hohem Niveau. Ich weiß nicht, wann ich zu Letzt ein Buch mit einem derart großem Wortschatz gelesen habe. Hier gibt es Worte, die ich nicht kannte, Worte, die ausgedacht sind und welche, die schon fast in Vergessenheit geraten sind.

„Wahrsagerbücher, Warzenbesprechungsformeln, Bannflüche – nichts für einen aufgeklärten Lindwurm wie mich.

Mit dieser übersinnlichen Vogelscheuchenschreibe hatte ich nun wirklich nichts am Hut, aber das unfreundliche Benehmen der Schreckschraube provozierte mich. Anstatt auf der Stelle zu verschwinden, blieb ich im Laden und schwarwenzelte an den Regalen entlang.“

Ich habe diese Vielfalt an Worten sehr genossen. Es war wie eine Delikatesse für das Gehirn.

 

Auch Moers Phantasie scheint grenzenlos zu sein. Es ist erst mein zweites Buch von ihm und ich muss gestehen, ich weiß gar nicht, ob auch Menschen in Zarmonien leben. Ich weiß es nicht, weil er über diese Wesen mit einer solchen Selbstverständlichkeit schreibt, dass es gar nicht auffällt, wenn er es nicht explizit erwähnt.

Über Buchhaim und die Bücher schreibt er auf eine Art, die jedem Buchliebhaber entzücken müssten.

„Angeblich gab es in den Katakomben von Buchhaim Bücher, die sich aus eigener Kraft vorwärtsbewegen,

kriechen oder gar fliegen konnten. Die heimtückischer und grausamer als manche Schädlinge und Insekten waren

und die man mit Waffengewalt zur Strecke bringen musste, wenn man sich erwehren wollte. Man munkelte von Büchern, die im Dunkeln flüstern und stöhnten, und solche, die ihre Leser mit dem Lesebändchen erwürgten,

wenn diese bei der Lektüre eingeschlafen waren. Und angeblich konnte es sogar geschehen, daß ein Leser mit Haut

und Haaren in einem Gefährlichen Buch verschwand und nie wiedergesehen wurde. Man fand dann nur noch seinen leeren Sessel, auf dem das aufgeschlagene Buch lag – in dem nun ein neuer Protagonist vorkam, der den Namen

des Verschwundenen trug.“

Wie Ihr am Zitat sehen könnt, ist das Buch in der alten Rechtschreibung verfasst und ich muss sagen, dass ich so was echt nicht leiden kann. Man lernt Rechtschreibung auch beim Lesen und wie soll das gehen, wenn diese nicht der aktuellen Rechtschreibung angepasst ist? So sehr man sich auch über das Desaster der Rechtschreibreform ärgern mag, so sollten die Leser doch wichtiger sein. Egal ob Jugendliche, die noch im Lernprozess sind, oder Erwachsene, die in der Rechtschreibung nicht so firm sind – für beide ist es wichtig. Wie sollen sie sich sonst orientieren?

 

Es gibt noch einen weiteren Kritikpunkt. Ich konnte mich nicht sehr gut in Hildegunst hinein versetzen. Oft viel das nicht so auf, weil ich wirklich berauscht war, von diesem enormen Wortschatz und der Phantasie. Aber ich merkte es immer wieder daran, dass es mir leicht fiel, das Buch aus der Hand zu legen.

Dazu gab es eine Situation, die mich echt kirre gemacht hat. Hildegunst findet tolle Freunde. Dann passiert ein Unglück und Hildegunst wird von den Freunden getrennt. Und er verschwendet keinen Gedanken mehr an sie! Das ging über 150 Seiten so. Ich war echt sauer auf Hildegunst und Walter Moers, denn mir lagen die Freunde echt am Herzen und ich konnte die ganze Zeit an nichts anderes denken, als was wohl aus diesen Freunden geworden ist.

Am Ende gab es so etwas wie eine Erklärung, so dass ich das Buch zumindest nicht in vollem Unmut zugeschlagen habe, auch wenn ich die Art der Erklärung nicht befriedigend fand.

 

Das Ende des Buches hat mir allerdings sehr gut gefallen.

 

Bei vielen Dialogen musste ich immer wieder schmunzeln. Er schreibt mit Witz und Weisheit.

 

„Ich erschrak. „Hier unten gibt es etwas, das lebt?“

„Ja. Leider.“

„Was ist es?“

„Schwer zu sagen. Etwas sehr Großes. Ein Ungeheuer.“

„In diesem Keller wohnt ein Ungeheuer?“

„In jedem Keller wohnt ein Ungeheuer.“„

 

 

„Ich war unfähig, mich zu bewegen. Egal in welche Richtung.

„Sie ist schon da, was?“ fragte Homunkoloss.

„Wer ist da?“

„Die größte aller Gefahren.“

„Die größte aller Gefahren? Hier? Wo? Wo ist sie?“ Ich sah mich panisch um, nach einer fetten Schlange oder einer giftigen Tunnelspinne, aber da war nichts.

„Sie steckt in dir“, sagte Homunkoloss. „Die Furcht.“

 

Amüsant fand ich auch, dass einige der zarmonischen Schriftsteller an unsere weltlichen Schriftsteller angelehnt sind.

 

„Orca De Wils war ein geistreicher Plauderer, in dessen Gegenwart man sich immer auf höchstem Niveau unterhalten fühlte.“ Orca De Wils = Oskar De Wilde

Fazit:

Trotz einiger Kritikpunkte ein herausragendes Werk. Dieses Buch hat einen Wortschatz, den man sich für jedes Buch wünschen würde. Dazu Humor und eine feine Prise Weisheit.

 

4,5 ♥ ♥ ♥ ♥

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