[Rezension] Kleiner Mann – was nun?  von Hans Fallada

[Rezension] Kleiner Mann – was nun? von Hans Fallada

20. Januar 2018 10 Von Petrissa
Kleiner Mann – was nun? 
Erstmals in der Originalfassung

Verlag: Aufbau Verlag; Auflage: 4 (17.06.16) *
ISBN-10: 3746633443
Gebundene Ausgabe: 557 Seiten



  Inhalt:
Da ich die Rezension schon 2016 im Büchertreff geschrieben habe und damals keine direkte Inhaltsangabe wieder gegeben habe, da der Inhalt in den vorherigen posts schon mehrmals erwähnt wurde, zitiere ich heute ausnahmsweise mal die Verlagsinformation:

“Der Verkäufer Johannes Pinneberg und seine Freundin Lämmchen erwarten
ein Kind. Kurz entschlossen heiratet das Paar, auch wenn das Geld immer
knapper wird. Trotz Weltwirtschaftskrise und erstarkender Nazis nimmt
Lämmchen beherzt das Leben ihres verzweifelnden Mannes in die Hand. In
dieser rekonstruierten Urfassung führt ihr gemeinsamer Weg noch tiefer
ins zeitgenössische Berlin, ins Nachtleben und in die von den „Roaring
Twenties“ geprägten Subkulturen. Die politischen Probleme der damaligen
Zeit werden so plastisch wie in wenigen anderen Texten. “

Ich habe das Buch in der Originalfassung gelesen, die seit Sommer ’16 erstmals unzensiert und so ein Viertel dicker ist, als bisher.
Beim Lesen kann man sich schon die ein oder andere Stelle denken, die damals nicht gewollt war.
Sein Nazi-Kollege bei seiner ersten Arbeitstelle, der vom Stellenabbau
verschont bleibt, weil der Chef Angst hat, Schwierigkeiten zu bekommen.
(Zensiert war der Nazi ein Kollege, der als “Torwart mit Schlägerneigung” dargestellt wurde.)
Auch im Verlauf des Buches geht es um differenzierte politische Ansichten der Figuren, die vorher wohl alle gestrichen waren.

Ein weiterer großer Teil machten die Beschreibungen der Nachtclubszenen
von Berlin aus. Pinnebergs Mutter und sein Stiefvater bewegen sich in
dem subkulturellem Milieu. An einem Abend nimmt der Stiefvater Pinneberg
und seine Frau mit in diverse Bars. Hier sieht man eindrucksvoll, wie
man sich zu damaligen Zeiten, in einschlägigen Lokalen, amüsiert hat
und wo die finanziellen Unterschiede lagen. Also von der einfachen Bar,
mit spärlich bekleideten Mädchen bis hin zu Edelhuren, wie man wohl
heute sagen würde. Dabei ist (aus heutiger Sicht betrachtet) die Sprache
nie derb oder anstößig. Er beschreibt die Dinge sensibel und
zurückhaltend, überlässt es dem Leser, seine Schlüsse zu ziehen.

Am Ende des Buches wird auf 57 Seiten die Arbeit beschrieben, wie die
Originalfassung wieder hergestellt wurde, wie das Buch damals entstand,
was zensiert wurde.

Zitat: “Was für Lämmchen zutrifft, das gilt auch für Pinneberg. Es gibt
zahlreiche Stellen, an denen im Orginalmanuskipt sein Denken und Fühlen,
seine Vorstellung von der Ehe oder seine politischen und moralischen
Auffassungen deutlich erkennbar werden.”
Lämmchen ist unzenziert deutlich selbstbewusster, aber auch die
Nebenfiguren erfahren im Originalmanuskript eine klare Vertiefung.
Ebenso wurden Stellen gestrichen, in denen Bezug genommen wurde auf
Robinson Crusoe, Charlie Chaplin, Goethe, Wilhelm Busch und dem Prinzen
von Wales.

Meine Meinung: 


Ich fand das Buch großartig!
Ich mochte die Sprache sehr. Ich fand den Werdegang von Pinneberg sehr
eindrücklich beschrieben. Vom Angestellten, der Lämmchens Arztbesuch
privat bezahlte, bis hin zum Arbeitslosem, der von einem Polizisten
weggejagt wird, weil er so ärmlich aussieht. Ich konnte mich, so gut wie
selten, in die Figuren hineinversetzen. Die Traurigkeit, die Sorge,
aber auch Lämmchens unerschütterlicher Optimismus.
Beeindruckt hat mich, wie sehr Pinneberg zu seiner Frau hält. Das wird
besonders auch an der Stelle deutlich, als sie wegen der Geburt im
Krankenhaus liegt. Er behandelt seine Frau als gleichberechtigte
Partnerin. Das dies damals nicht üblich war, machen die anderen neu
gewordenen Väter deutlich.
Fallada thematisiert nicht nur die Nachtclubszene, auch Homosexualität
spielt eine Rolle. Gedanken um Treue und Untreue, um menschliche
Hemmungen und um Lust.
Eine Geschichte mit viel Tiefe, differenzierten Themen und Personen.

Absolut empfehlenswert. 

5 ♥ ♥ ♥ ♥ ♥

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