Rezension: Winzige Gefährten von  Ed Yong

Rezension: Winzige Gefährten von Ed Yong

16. August 2018 4 Von Petrissa

Winzige Gefährten

Wie Mikroben uns eine umfassendere Ansicht von Leben vermitteln

Autor: Ed Yong

Übersetzer: Sebastian Vogel

Verlag: Antje Kunstmann

ISBN-10: 3956142322

Seiten: 480


Mikroben sind mehr als Krankheitskeime

Bei Mikroben denken viele Leute gleich an Keime, an Krankheitserreger. Und von der Presse wird diese tief verwurzelte Angst auch noch geschürt. Da wird proklamiert, dass auf dem Smartphone oder dem Geldautomaten mehr Keime sind, als auf dem Toilettensitz. Doch nur ein winziger Teil der Mikroben sind schädlich. Der Großteil sorgt sogar dafür, dass wir überhaupt leben können. Er schützt uns vor Krankheiten!

Mikororganismen gibt es überall. In den tiefsten Stellen im Ozean, in siedend heißen Quellen und im Eis der Antarktis. In Wolken und Schneeflocken. „Es gibt sie in astronomischer Zahl. Es gibt mehr Bakterien in unserem Darm als Sterne in unsere Galaxis“.


Wenn wir die gesamte Zeit, die die Erde existiert, in 24 Stunden packen, gibt es den Menschen gerade mal seit kurz vor Mitternacht, am Silvesterabend. Bis zum 26. Dezember. gab es Dinosaurier.

Pflanzen und Säugetiere entwickelten sich im Laufe des Dezembers. Alles was wir heute kennen, „wenn wir an „Natur“ denken, sind Nachzügler, in der Geschichte des Lebendigen. Sie gehören zum Schlussakkord.“

Die meiste Zeit, bis Oktober, waren die Mikoorganismen ganz alleine auf der Erde.

Leben, wie wir es heute kennen

In meinen laienhaften Worten ausgedrückt, gab es bis Mitte des Jahres (auf unsere Zeitleiste),
zwei Mikroorganismen, ich nenne sie mal A und B, die nichts miteinander zu tun hatten.

Durch einen Zufall, der in 4 Milliarden Jahren genau einmal vorkam, vereinten sich die beiden. Daraus
entstand das Leben, das wir heute kennen.

Daraus entstanden wir!

Von dem was danach passierte, erzählt das Buch.

Wie Foscher sich aufmachten, Mikrobiome zu sammeln und zu kategorisieren. Wie sie die DNA entdeckten und welche andere spannenden Entdeckungen sie dabei machten, bis dahin, was Wissenschaftlern heute möglich ist. Er erklärt auf sehr eindrucksvolle Art, wie Mikroorganismen funktionieren. Weit mehr noch. Mikroorganismen verändern den Körper.


Verständlich erklärt

Zum Teil erklärt er es an Hand von Tieren – manches lässt sich ja auch nur durch Tierversuche heraus finden – oder Ökosystemen wie Korallenriffen, vieles aber auch in Bezug auf den Menschen. Warum ist eine natürliche Geburt besser als ein Kaiserschnitt? Das Baby wächst in Mutterlaib in einer keimfreien Zone auf. Bei der Geburt durch die Vagina wird das Baby von den Keimen der Mutter überzogen, die das Baby schützen.

Dass Babys in den ersten 6 Monaten so anfällig für Infekte sind, liegt auch nicht daran, dass das Immunsystem noch nicht voll entwickelt ist. Die Abwehr wird ganz gezielt vom Körper unterdrückt, damit Mikoorganismen eine Weile freie Bahn haben und sich festsetzen können.

Damit sich die richtigen Organismen ansiedeln können, ist es so wichtig, das Baby zu stillen, obwohl Babys den Milchzucker gar nicht verdauen können. Zum einen ist die Muttermilch voller Antikörper, die die Bakterien im Schach halten. Zum anderen geht man davon aus, dass die Zuckermoleküle im Darm des Babys dafür sorgen, dass die richtigen, die gesunden Organismen heran wachsen können.

Mikrobiome „haben einen derart großen Einfluss auf unseren Körper, dass sie darüber bestimmen, wie wir
auf Impfstoffe reagieren, wie viel Nährstoffe Kinder aus ihrer Nahrung aufnehmen können und wie gut Krebspatienten auf Medikamente ansprechen. Viele Gesundheitsstörungen, darunter Fettleibigkeit, Asthma, Darmkrebs, Diabetes und Autismus, sind von Veränderungen im Mikrobiom begleitet[…].“

Mehr noch, es liegt die Vermutung nahe, dass sie auch unser Verhalten bestimmen.

Duft, Gesundheit, Verdauung, Entwicklung und Dutzende weitere Aspekte, die angeblich zur Domäne des Individuums gehören, sind in Wirklichkeit die Folge eines komplexen Wechselspiels zwischen Wirt und Mikoorganismen.“

Wir vernichten die Guten und züchten die Schlechten

Und statt die guten zu füttern, mästen wir die schädlichen und zerstören mit „anitbakterieller“ Seife, Waschmitteln oder Antibiotika jene Mikobiome, die wir für unsere Gesundheit und unsere Leben brauchen.

„Sie ist die unbeabsichtigte Folge der Bestrebung, Mikroorganismen unterschiedslos zu töten; es ist,
als würde man einen von Unkraut überwucherten Garten mit Pestiziden verwüsten und dann hoffen, dass nun Blumen wachsen; in vielen Fällen erhält man aber so nur noch mehr Unkraut.“

Auch für Laien gut erklärt

Ich bin weder Biologin noch Chemikerin, sondern einfach nur ein sehr neugieriger Mensch. Und als Laie kann
ich sagen, das Buch ist großartig. Es liest sich wie ein Krimi.
Natürlich nicht ganz so leicht, man muss sich schon konzentrieren. Aber es ist auch nicht schwer zu lesen. Er erklärt es wirklich auf eine Art, die eben auch jeder Laie verstehen kann. Und zwischen all dem Theoretischem ist er auch immer wieder sehr humorvoll. Es gab einige Stellen, an denen ich lachen musste.

Ich habe sehr viel dazu gelernt. Die aufgezählten Dinge von mir sind nur ein sehr kleiner Bruchteil dessen.


Ein so kompliziertes Wissenschaftsgebiet im Fachjargon zu verfassen, ist vermutlich einfach.

Aber es für einen Laien so verständlich und unterhaltsam zu schreiben – Respekt!


Von Herzen – 5 ♥ ♥ ♥ ♥ ♥

Ich danke dem  Verlag herzlich für das Rezensionsexemplar!

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