[Rezension]28 Tage lang

[Rezension]28 Tage lang

13. September 2017 12 Von Petrissa
28 Tage lang
 Autor: David Safier
Sprecherin: Maria Koschny
Verlag: Argon Hörbuch Verlag
Zeit: 7 Stunden 11 Minuten

Die 16-jährige Mira lebt mir ihrer Mutter und ihrer kleinen Schwester im Warschauer Ghetto. Miras Mutter ist nach dem Tod des Vaters depressiv und lethargisch, so dass Mira sich um das Überleben der Familie kümmern muss. Sie begibt sich immer wieder Gefahr, um von der polnischen Seite Warschaus Lebensmittel ins Ghetto zu schmuggeln. Dabei wird sie fast gefasst,  doch von einem jungen Mann gerettet, der ihr einen leidenschaftlichen Kuss auf den Mund drückt und sie für seine polnische Freundin ausgibt. 
Sie weiß nicht mal, wie der junge Mann heißt, aber seinen Kuss kann sie nicht vergessen. 
Im Ghetto derweil rückt die SS an, um die Menschen in den Zügen abzutransportieren.
Am Anfang völlige Ungläubigkeit. Die Gerüchte, dass die Deutschen alle umbringen wollen, kann doch nicht wirklich stimmen. An dem Tag, als Mira begreift, dass es wirklich stimmt, schließt sie sich dem Widerstand an.

                                                

 David Safier, der Autor von “Mießes Karma”, einmal ganz anders. 
Man kann das Buch in drei Teile einteilen. 
Da ist die 16-jährige Mira, die immer wieder an den Kuss denken muss. Das aber eigentlich gar nicht will, weil sie einen Freud hat. Dieser Teil war mir fast ein bisschen zu leicht, für die schwierige Geschichte. Es hat mich an eine normale Liebesgeschichte erinnert und ich weiß nicht, ob man in solch einer Lebensbedrohung wirklich so lange über einen Kuss sinnieren kann. Kann aber natürlich auch sein, dass man gerade dann Denk-Räume im Kopf braucht, um zu überleben. 
Miras kleine Schwester erzählt immer wieder Geschichten von den 777 Inseln, in denen sie das verarbeitet, was sie täglich im Ghetto erleben. Für mich hat dieser Teil etwas zu viel Raum eingenommen und ich habe bei diesen Geschichten meist nur mit halben Ohr zugehört. 
Und als dritter Teil die Geschichte um die Grausamkeit der Nazi-Zeit. 
Um den Hunger, die tägliche Todesangst, um den Kampf, den Mut nicht zu verlieren. 
Was für ein Mensch willst du sein? 
Diese Frage stellt Mira sich immer wieder. 
Töte ich oder lass ich mich töten, um nicht selbst zum Mörder zu werden? 
Gehe ich mit denen, die ich liebe, in den Tod? 
Riskiere ich mein Leben, um das Leben fremder Menschen zu retten?
Hier merkt man nichts mehr davon, dass Mira eine Jugendliche ist.
“Seit dem Ende der Aktion vor 2 Monaten, war kein Mensch mehr tagsüber im Ghetto zu sehen. Die Deutschen hatten gerade mal, so schätzten wir, 30 tausend Juden erlaubt am Leben zu bleiben. 20 tausend weitere hielten sich versteckt. Nur einer von neun Menschen also war am Leben geblieben. Einer von Neun!
Lediglich früh morgens sammelten sich Juden auf den Straßen, um zu ihrer Sklavenarbeit zu den Werkstätten oder im polnischen Teil der Stadt zu gehen und erst abends kehrten sie wieder zurück. Wer zu anderen Zeiten auf der Straße von der SS angetroffen wurde, wurde auf der Stelle von der SS exekutiert.”
Die Wesensarten der Menschen sind mannigfaltig dargestellt, das hat mir sehr gut gefallen. (Fast) niemand ist nur gut oder böse.
Die Stimme ist berührend und passt sehr gut zur Geschichte.

Ich habe schon von Marcel Reich-Ranicki (“Mein Leben”) die Geschichte des
Warschauer Ghettos gelesen und es ist sicher nicht fair, die beiden
Geschichten miteinander zu vergleichen. Dennoch kann ich es auch nicht ignorieren. 
 “28 Tage lang” fällt daher von der Sprache und der Intensität der traumatischen Inhalte für mich eindeutig in den Bereich der Jugendliteratur.
Das sollte man vor allem wissen, wenn man sich mit dem Thema der Judenverfolgung auskennt. 
Für Leute, die bisher wenig oder gar nichts dazu gelesen haben, ist es sicher ein toller Einstieg. 
4 ♥ ♥ ♥ ♥

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