[Rezension]Das verlorene Kopftuch

[Rezension]Das verlorene Kopftuch

3. Juli 2018 10 Von Petrissa


Das verlorene Kopftuch

Autorin: Nadine Pungs

Verlag: Malik (02.Mai.18)*

ISBN: 3890294944

Seiten: 256


Inhalt:

Nadine Pungs fährt für 4 Wochen
alleine in den Iran. Sie reist einmal quer durchs Land.

Über Teheran, Esfahan runter ans Meer und über Shiratz, Ahvaz und Kermanshah wieder zurück nach Tabritz.

Sie will den Iran verstehen lernen und erfahren, wie er sich von dem unterschiedet, wie die Presse uns den Iran präsentiert.


Meine Meinung:

Nicht nur einmal hätte ich das Buch am liebsten, im wahrsten Sinne des Wortes, in die Ecke gepfeffert.

Sie sagt am Anfang und am Ende, dass sie den Iran lieben gelernt hat, aber die restlichen Seiten dazwischen sind nur negativ. Sie will erfahren, wie der Iran hinter den Klischees aussieht und bedient sich selber an einem Stück lang Klischees.


Durchaus streut sie hier und da ein, was für eine Rolle der Westen bei der Diktatur im Iran gespielt hat. Doch oft geht das völlig unter, in ihrer plakativen Art über Khomeini und die Revolution zu schreiben.

Der schwer krebskrank Scheich musste in die USA fliehen, hunderte Studenten stürmten die US Botschaft und nahmen 66 amerikanische Diplomaten als Geiseln. „Die Welt ist erschüttert. Was war geschehen?“ Das was geschehen war, geht in der Emotionalität, die sie sprachlich hervor ruft, in der Nebensächlichkeit unter.

Obwohl ich die Geschichte des Irans kenne und mir gleich bewusst war, welche stilistischen Mittel sie anwendet, dachte ich sofort: Der arme Schah! Schwer krank der Mann und muss fliehen.


Auch kommt immer wieder ein leichter Vorwurf durch, dass das Volk sich ja wehren könnte.

Ist das der Grund, warum Khomeinis antidemokratische, antimenschliche und antimoderne Ideen
hingenommen werden? In seinem Manifest „Der islamische Staat“ könnte jeder nachschlagen, dass der Ayatollah

eine faschistoide Theokratie plant, die die Gesellschaft um Jahrhunderte zurückwerfen wird.“


Ich finde das so unmöglich. Dass die Menschen so wohl beim Scheich, als auch bei beiden Khomeinis bei der leisesten Kritik in den Folterkeller geworfen werden, vergisst sie wohl beim Philosophieren darüber, wie der Iran eine Diktatur werden konnte und bleibt.


Die meiste Zeit des Buches lamentiert sie über das Kopftuch. Sie fühlt sich gegängelt und unterdrückt und überträgt das auf alle Frauen, statt einfach mal die Frauen zu fragen. Die ganze Zeit geht es nur darum, wann sie endlich wieder das Kopftuch abnehmen kann. „Ein paar Augenblicke Freiheit.“


Ich selbst kann auch nicht nachvollziehen, warum Frauen sich mit Kopftuch wohler fühlen und natürlich bin ich gegen Zwang. Aber wenn Pungs sich tatsächlich so viel Iran beschäftigt hat, wie sie behauptet, dann müsste sie wissen, dass es viele Frauen gibt, die gerne und aus freien Stücken Kopftuch tragen.

Im Bus sind Männlein und Weiblein durch eine Plexiglaswand getrennt. Mir schnürt sich die
Kehle zu. Und ich muss mich zusammenreißen, um den aufsteigenden Hass in mir zu unterdrücken und

meine Abscheu nicht auf das gesamte Land zu übertragen. Wie können sich Menschen so behandeln lassen?

Diese dramatische Haltung und Schreibweise zieht sich durch das ganze Buch.


Pungs ist so damit beschäftigt, dass sie ihren Verstand völlig ausschaltet und sich in unangenehme
Situationen bringt. Da freut sie sich, dass der Hotelbesitzer nichts dagegen hat, dass sie das Kopftuch auszieht, fragt ihn, ob er verheiratet ist. Nein, ist er nicht und als er sie kurz darauf fragt, ob sie seine Freundin sein will, sagt sie „ja“. Und lässt sich von ihm umarmen. Von einem fremden Mann, in einem Land, in dem Körperkontakt zwischen Mann und Frau verboten ist, so lange sie nicht verheiratet sind. Und wundert sich dann, dass er ihr den ganze Tag nachstellt.


Dazu widerspricht sie sich. Sie wird angesprochen:

„„Entschuldigen Sie bitte, aber Sie reisen alleine?“, fragt er. „Haben Sie keine Angst?“

Ich bin verwundert über die Frage. “Nein, bisher waren alle sehr lieb zu mir“.” (Seite 81)

Seite 10: „Ich habe Angst. Seit 102 Minuten.

Seite 83: „Ich gebe mich ungerührt, schreite aufrecht und bin innerlich klimperklein.[…] Ich will nur noch weg.
Diese Straße verlassen, dieses Viertel.

Also was soll der Satz, dass sie verwundert ist und keine Angst hat. Natürlich hatte sie immer mal
wieder Angst. Ist doch auch klar.


Richtig geärgert hat mich auch die Stelle, an der sie über die Kindersoldaten in dem Iran-Irak Krieg berichtet. Die Kinder und Jugendlichen wurden damals vor den Soldaten aufs Feld geschickt, um dieses nach Mienen abzusuchen, damit die
Mienen nicht die Soldaten töteten. Zehntausende Kinder starben damals. Das schildert sie auch, doch kurz drauf schreibt sie:

„In den acht Jahren Gemetzel eilten zahllose Jugendliche an die Feuerlinie, um freiwillig den Opfertod zu sterben.

Um sich freiwillig vor einem irakischen Panzer in die Luft zu sprengen.“


Hier von „freiwillig“ zu sprechen, finde ich ungeheuerlich und geschmacklos! Selbst wenn sie mit 13 rein rechtlich noch nicht gezwungen wurden, so herrschte doch ein Druck von der Schule und die Furcht, was der Geheimdienst sich einfallen lässt, wenn sie nicht mitzogen.

Fazit:

Ein Buch, welches mit Klischees aufräumen will und sich doch selbst dieser bedient.

1 ♥


Ich danke dem Verlag für dieses Rezensionsexemplar.

Weitere Rezensionen:

++ Jaris Büchergebrabbel

  Lesefreude

Loading Likes...