[Rezension]Im Iran dürfen Frauen nicht Motorrad fahren…

[Rezension]Im Iran dürfen Frauen nicht Motorrad fahren…

19. Februar 2018 8 Von Petrissa
Im Iran dürfen Frauen nicht Motorradfahren…
Was passierte, als ich es trotzdem tat
Autorin: Lois Pryce
Verlag: Dumont Reiseverlag (05.09.17) *
Seiten: 336
ISBN: 3770166817


Inhalt:

Am 29.11.2011 wird die Britische Botschaft in Teheran gestürmt und in Brand gesteckt, um gegen die
Sanktionen zu protestieren. Ein paar Tage später findet die Autorin an ihrem Motorrad, welches sie vor der Iranischen Botschaft in London geparkt hatte, eine Einladung in den Iran.

Dieser kleine Brief lässt sie nicht mehr los und 2013 macht sie sich auf in den Iran, in einer immer noch
sehr diplomatisch angespannten Zeit zwischen Großbritannien und dem Iran.
Sie fährt mit ihrem Motorrad einmal quer durch den Iran, von der Grenze zur Türkei, hoch oben im Norden,
bis in den Süden nach Schiraz.

Meine Meinung:

Was für ein wunderbares und informatives Buch!
Wir im Westen haben meistens ein negatives Bild vom Iran. Diktatur, Verschleierung, Atombau.
Doch was wissen wir denn wirklich vom Iran? Nichts. Oder ziemlich wenig.

Der unbekannte Habib, der die Einladung an Lois Motorrad gehängt hat, schrieb:

 „…..Denken Sie bitte nicht an das, was hier und in Teheran passiert ist.
 Das sind unsere Regierungen, nicht die Iraner. ….“

Dieser Satz hat mich nachhaltig beeinflusst und wird im Laufe des Buches nur bestätigt.
Kaum jemand, den Lois traf, stand hinter dem, was die Regierung machte. Manche hatten Hoffnung auf
Veränderung, andere haben resigniert und manche wollten einfach nur das Land verlassen.
 
Neben all den menschlichen Erzählungen, fand ich besonders gut, dass man auch etwas über die Geschichte erfuhr
und über die Hintergründen, wie es zu dem heutigen Zustand kommen konnte.
Hier spielt der Westen mal wieder eine große Rolle.
Der Westen und seine Gier nach Reichtum, sprich Öl. Die USA und Großbritannien haben lange die Ölvorkommnisse geplündert und die Iraner nur als billige Arbeitssklaven benutzt. Als dann ein Präsident kam, der die Ölfelder verstaatlichen wollte, hat der Westen kurzerhand für einen Putsch gesorgt und den Schah an die Macht
gebracht. Dieser lebte im Luxus, gefördert von den USA, während das Volk darbte. Durch den Schah wuchs immer mehr der Hass auf die USA und den Schah selbst, was 1979 zur Revolution führte und zur jetzigen Islamischen Republik.

Lois scheut sich auch nicht, von ihren eigenen Vorurteilen zu schreiben.
Es gab eine Sache, mit der ich Probleme hatte. Vor zwei Jahren habe ich „Couchsurfing im Iran“ von Stephan Orth gelesen und Orth hat doch mehr negative Erlebnisse geschildert. Das hat mich die ganze Zeit irritiert.

Leider konnte ich bis zum Schluss nicht raus finden, wo die Gründe liegen. Vielleicht lag es aber auch
einfach an meinen Erwartungen, was der Autorin alles schreckliches passieren wird.
Und natürlich hat sie auch negative Erfahrungen gemacht, aber bis auf eine Situation, hätte ihr das auch
in jedem anderen Land passieren können.

Unterm Strich aber ist der Eindruck, den sie bei mir hinter lassen hat:
Was für nette und vor allem gastfreundliche Menschen sind doch die Iraner!

Mein einziger Kritikpunkt ist der wirklich sperrige Titel. Wenn man das Buch weiter empfehlen will, ist
es ein echter Zungenbrecher. „Im Iran dürfen Frauen…“ oder war es „Frauen dürfen im Iran…“. Letztlich habe ich den Titel dann immer umschrieben. Ich lese gerade ein Buch, in dem…
Im Original heißt es „Revolutionary Ride“, den finde ich wirklich schön.

Fazit:

Ein Buchempfehlung, die mir am Herzen liegt!
Die Iraner haben es verdient, dass wir die Geschichte ihres Landes kennen und wissen, wie sehr der Westen
daran beteiligt war.

Die Iraner haben es verdient, dass wir zwischen der Regierung und dem Volk unterscheiden.

5 ♥ ♥ ♥ ♥ ♥
 


Weitere Buchempfehlung zum Thema:
33 Bogen und ein Teehaus von Mehrnousch Zaeri-Esfahani
Couchsurfing durch den Iran von Stephan Orth

Persönliches:
Ich wollte das oben so nicht reinschreiben, weil ich die Rezension ja auch auf anderen Plattformen
poste, aber es macht mich so dermaßen wütend, wie einseitig unsere Medien berichten. Erstmals kapiert habe ich das ja in der Russland-Ukraine Krise und dann mit dem Buch „Die Macht der Geographie“ von Tim Marshall.

Und dieses Buch bestätigt es wieder.
Es macht mich echt ein bisschen fassungslos und ich frag mich, in welcher Blase ich all die Jahre
lebte, dass ich glaubte, unsere Medien berichten „unabhängig“, wie es auf den Zeitungen immer so schön drauf steht.
Klar gibt es im Iran auch die Regierungsfreunde, die Spitzel. Aber wie würden wir uns denn fühlen,
wenn man im Ausland behaupten würde, in Deutschland gäbe es nur Nazis?!
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