[Rezension]Per Anhalter nach Indien

[Rezension]Per Anhalter nach Indien

19. Mai 2018 4 Von Petrissa
Per Anhalter nach Indien
Auf dem Landweg durch die Türkei, den Iran und Pakistan
Autoren: Morten Hübbe • Rochssare Neromand-Soma
Verlag: Mailk (01.03.18)
ISBN-10: 3492404847
Seiten: 320
Inhalt:
Per Anhalter begleiten wir die Autoren durch die Türkei, den Iran und Pakistan. Mit “Couchsurfing” schlafen sie bei ganz unterschiedlichen Menschen.
Dabei bekommen wir einen Eindruck über die Mentalität der drei Länder und über den Staat an sich. 
 
Wir erfahren, wie das Land gegründet wurde und wie die heutige politische Situation ist. Ebenso erzählen die Autoren von ethnischen Minderheiten und wie die Politik damit umgeht. 
 
Am Anfang zeigt eine Karte den Weg von Deutschland bis nach Indien. Vor jedem Überkapitel gibt es die Karte des Landes dann nochmal in groß. 
In der Mitte gibt es Bilder der Reise.  
 
 Meine Meinung. 
Dieses Buch hat mich in meiner Meinung wirklich hin und her gerissen. So vieles, was ich absolut gut fand und so einiges, was mir gar nicht gefallen hat. 
Absolut genial fand ich, dass die Historik des Landes erläutert wurde und das in einer lockeren, unterhaltsamen Sprache! 
Die Türkei hat eine sehr spannende Geschichte. Sowohl politisch als auch von der Kulturlandschaft her. Ich war auch etwas erstaunt über mich. So viele Türken leben bei uns und ich hatte keine Ahnung von der Geschichte des Landes. Ich begreife nun  besser die heutige politische Situation. Warum viele Türken Erdogan unterstützen und warum es diesen Konflikt mit den Kurden gibt. 
Um so mehr ich über den Iran lese (mein drittes Buch dieses Jahr), um so sympathischer wird das Land und die Bevölkerung mir. Es hat nichts mit dem zu tun, wie die Medien über das Land reden. Wobei man natürlich die Diktatur von der Bevölkerung unterscheiden muss. So ein herzliches und gastfreundschaftliches Land! 
Ich erfahre auch, dass das Wort “arisch” überhaupt nichts mit “Deutsch” oder der “weißen Rasse” zu tun hat. Iraner sind stolz auf ihre arische Herkunft. 
Was die beiden in Pakistan erleben, hat mich dagegen sehr erschrocken, in mehrerlei Hinsicht. Sie haben die Militärdiktatur mehrmals hart zu spüren bekommen. 
Aber auch unser “Freund”, die USA, hat hier (wie im Iran) ihr Unwesen getrieben und bösen Schade angerichtet. Wie im Iran ist sie an der heutigen Situation dort mit schuld. 
 
“Unweigerlich kommen wir auf Pakistans Image als Terrorstaat zu sprechen und erfahren Delikates. Der Terrorismus im Staat war lange Zeit Teil der Bildungspolitik. Von der US-amerikansichen Hilfsorganisation USAID finanziert, wurde in den 1980er-Jahren Millionen ideologisch aufgeheizte Schulbücher im Land verteilt, die den Dschihad, den heiligen Krieg, propagierten. Während in deutschen Klassenzimmern mit Äpfel und Birnen gerechnet wurde, multiplizierten pakistanische Schüler mit Bomben und Maschinengewehren. Sie sollten vorbereitet werden, als junge Mudschahedin in den Krieg gegen die Sowjetunion zu ziehen. Aus heutiger Sicht ging dieser Schritt für die westliche Welt gewaltig nach hinten los. Auch Murad und Muhammad erinnern sich noch immer an damalige Aufgabenstellungen: Wenn du zehn Bomben hat und eine zündest…  .”
 
Was mir nicht gefallen hat, war die ausführliche Beschreibung des “per Anhalter fahren”. Sie beschreiben immer wieder, wie sie x Minuten an der Straße standen, um dann 50 km nach A mitgenommen zu werden, von da aus 150 km nach B usw.. Gerade am Anfang fand ich das sehr anstrengend.  Zumal lauter kleine Orte genannt werden, die eben auf der Karte nicht drauf sind und ich damit gar nichts anfangen konnte.
Auch ist leider kaum ein Eindruck von den Menschen, bei denen sie mitgefahren oder gewohnt haben, hängen geblieben. Eine einzige Oma habe ich noch bildlich vor Augen. 
Überwiegend hatte ich den Eindruck, dass die Geschichte von Morten Hübbe erzählt wird. Seine Freundin Rochssare Neromand-Soma ist für mich die meiste Zeit völlig unsichtbar. Überwiegend schreibt er/schreiben sie zwar von “wir”, aber es ist nur seine Stimme, die ich da raus höre. Das mache ich daran fest, dass er am Anfang z.B. erzählt, dass er auf Grund seines Bartes für einen Islamisten gehalten wurde. Oder wenn sie nach Geschlechtern getrennt wurden, ist es immer seine Sicht, die erzählt wird.
Ein einziges Mal schildert er eine Reaktion von ihr, als sie einen Fahrer anschreit, weil der wie der Teufel rast. Die Situation war witzig und ich hätte mir sehr gewünscht, sie öfter rauszuhören.
Kurios wird es bei der Beschreibung: “Schnell macht er uns auf unseren schlecht sitzenden Hidschāb aufmerksam, mit dem wir vermeintliche Blicke auf uns ziehen. Artig richten wir die Kleinigkeiten an unsere Kleidung […]”. 
Wir? Seit wann tragen Männer Hidschāb?
 
Fazit: 
 
Ein sehr lehrreiches Buch, dass es verständlicher macht, wie die drei Länder heute politisch aufgestellt sind. Und das auf eine unterhaltsame Art.
Leider auch mit einigen Schwächen. 
4 ♥ ♥ ♥ ♥
 
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