[Rezension]Unterwegs in Nordkorea

[Rezension]Unterwegs in Nordkorea

24. April 2018 6 Von Petrissa
Unterwegs in Nordkorea
Eine Gratwanderung
Autor: Rüdiger Frank
Verlag: Deutsche Verlags-Anstalt (14.02.18)*
ISBN-10: 3421047618
Seiten: 352

 Inhalt:
Es handelt sich hier ganz klar um einen Reiseführer. Natürlich nicht im Üblichen Sinne, denn man darf in Nordkorea nicht frei reisen, sich nicht mal frei bewegen. Immer wird man von zwei Aufpassern begleitet. Doch er schreibt es gleich im Vorwort: “An sie -die Reiseplaner und die Reiseveteranen – wendet sich dieses Buch vor allem. Aber ich habe es auch für die vielen geschrieben, die sich zwar für das Land interessieren, aber eine Reise aus guten Gründen ausschließen.” 
Den letzten Satz würde ich nur sehr bedingt unterschreiben.
Aber von vorne: 
Er fängt mit der Frage nach dem Gewissen an, ob man überhaupt nach Nordkorea reisen soll. Wer darf und wer darf nicht nach Nordkorea reisen? Wie sicher ist es, nach Nordkorea zu fahren? Erstaunlich sicher, wenn man nicht gerade Journalist oder Amerikaner ist und sich an die Anweisungen der Guides hält. 
Er erklärt, wie die Einreise funktioniert, was man darf und was nicht. 
Landestypische Eigenheiten. Intranet statt Internet. Darf man fotografieren und wenn ja, was? Kann man telefonieren? Wie spricht man Silben aus und wie verhält man sich am besten gegenüber Behörden?
Wie sieht die Unterbringung aus? Wie sind die Sanitäranlagen? 
Strom hat man mal und mal nicht. 
Bei den Hotels wird er dann schon ausführlicher und es wird für Leute wie mich, die nicht nach Nordkorea reisen, uninteressanter. 
Weiter geht es mit dem Kapitel Essen und Trinken. Kimchí, das Lieblingsessen der Koreaner oder lieber Hundefleisch? Keine Sorge, letzteres wird einem Europäer nicht ungefragt vorgesetzt. 
Wie bewegt man sich fort und wie bewegen sich die Nordkoreaner fort? 
Danach folgt ein sehr detailliertes Kapitel darüber, wie und was man in Nordkorea einkaufen kann. Ausländer haben eine andere Währung als Inländer. Nordkoreas Geld kann man auch nicht überall in der Welt frei in andere Währungen umtauschen, weswegen es keinen normalen Wechselkurs gibt. 
Es folgen einige Seiten, was Nahrungsmittel… in Nordkorea kosten. 
Auf den letzten ca 150 Seiten geht es um Denkmäler, Monumente und andere Orte der Besichtigungen. 
Auf die Bürger Nordkoreas und dessen Leid geht er nur in vagen Andeutungen ein.
Fotos vervollständigen die Beschreibungen. 
Der Autor: 
Rüdiger Frank studierte Koreanistik, Wirtschaftswissenschaften und Internationale Beziehungen. In den 90ziger Jahren studierte er ein halbes Jahr in Nordkorea. 
Heute ist er Professor für Wirtschaft und Gesellschaft Ostasiens an der Universität in Wien. Er ist gefragter Nordkorea-Experte in den Medien und berät internationale Organisationen und Regierungen.
Meine Meinung: 
Für Leute, die sich schon mit Nordkorea auseinander gesetzt haben und einige Bücher gelesen haben, ist dies hier sicher eine interessante Erweiterung.
Für Leute wie mich, die vorher noch nie was über Nordkorea gelesen haben, ist das Buch, durch die fehlende Kritik am System, sehr einseitig. Man merkt deutlich, er will es sich nicht mit der Regierung verscherzen, damit er wieder ins Land einreisen darf. 
Er schreibt zwar gleich am Anfang, dass man unbedingt Bücher von Menschen lesen soll, die aus Nordkorea geflohen sind und zählt dabei auch einige auf, wie z.B. “Flucht aus Lager 14”, “Mut zur Freiheit” und “Im Land des Flüsterns”, doch beim weiteren Lesen kann man das leicht vergessen und zu dem Schluss kommen: “Ist ja alles gar nicht so schlimm.” Mir selbst ist das passiert und ich war froh, als meine Freundin mich entsetzt anstarrte, als ich ihr das sagte und meinen Kopf wieder gerade rückte. 
Gut fand ich, dass er schon auch auf die Propaganda der USA eingeht, z.B. erklärt, aus welchen nachvollziehbaren Gründen Touristen verhaftet wurden und fast immer nach einer Zeit wieder unbeschadet entlassen wurden. Er geht auch auf Otto Warmbier ein, der 2016 in Nordkorea verhaftet wurde und in der Haft starb. Seine Darstellung fand ich glaubwürdig.
Ansonsten ist es manchmal ein Unterton, an dem man seine Kritik rauslesen kann, eine Formulierung, die einem wohl nur auffällt, wenn Deutsch die Muttersprache ist. 
Trotzdem bleibt bei mir ein merkwürdiges Gefühl, dass er mehr über die Grausamkeit schreibt, wie die Hunde umgebracht werden (sie werden langsam zu Tode geprügelt, damit das Fleisch durch die Adrenalienausschüttung weicher wird), als über die Einwohner selbst. 
Sicher, bei der Beschreibung der Denkmäler hält man schon öfter mal irritiert inne. 
Die früheren Führer liegen mumifiziert in Glassärgen. 
20 Meter hohe Bronzefiguren von Kim Il-sung und Kim Jong-il. 
Da kann man den Personenkult, die Diktatur erahnen.
Fazit:
Für Menschen, die schon viel über Nordkorea gelesen haben oder dorthin reisen möchten, ist das Buch sicher perfekt. 
Für Anfänger ist es nicht geeignet, da es den Eindruck hinterlässt: Nordkorea ist eigentlich auch nicht schlimmer als andere Länder. 
4 ♥ ♥ ♥ ♥
“Man darf nie vergessen, welches Land man gerade bereist.”
Rüdiger Frank
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