Mach dich auf von Keri Smith

Mach dich auf von Keri Smith

16. März 2017 17 Von Petrissa
Bereitgestellt vom Antje Kunstmann Verlag. 
Vielen Dank dafür. 
Rezension
Autorin: Keri Smith
Übersetzerin: Astrid Gravert
Verlag: Kunstmann
Seiten: 176
Klappentext:
Mach dich auf, Tag für Tag, auf einen Weg, der kein Ziel hat, aber
zu etwas führen wird…. Sich treiben lassen, die Bewegung genießen,
die Umgebung aufmerksam wahrnehmen, sich auf sich selbst besinnen,
tief durchatmen und sich einmal ausklinken aus den Anforderungen des
Alltags. Auf diesen Weg führt dich die geheimnisvolle Organisation,
der du in diesem Buch begegnest: JOINT THE WANDER SOCIETY!

Um was es eigentlich geht:
Es geht um die geheimnisumwobene “Wander Society”, deren Mitglieder
sich nicht kennen, sich nicht treffen, sich nicht outen. Sich aber
durch verschiedene Zeichen gegenseitig auf sich aufmerksam machen. Ein Blitz in einem Kreis ist
das Grundzeichen des WANDER SOCIETY.
Der amerikanische Dichter Walt Whitman wird fast als Gründer
gefeiert. Dumm nur, dass er schon 1892 starb, während es die Wander Society erst seit 2011 gibt.
Man könnte sagen, dass es hier um Achtsamkeit geht, die aber sehr
mystifiziert wird.
Am Ende gibt es noch ein Kapitel mit praktischen Tipps. Z.B. wie man
ein Notizheft bastelt, sich einen Pulswärmer strickt oder sich ein
Abzeichen mit einem Blitz bastelt.
In Fußnoten schreibt die Autorin Anmerkungen zu dem, wie sie das
jeweilige selbst erlebt hat.

Meine Meinung:
Fangen wir mit dem Positiven an. Das Buch ist wunderschön gestaltet.
Der gelbe Rand ist aus Leinen, das Papier scheint Umweltpapier zu
sein. Es fühlt sich jedenfalls toll an. Und die Bilder im Buch sind
wirklich schön.
Das war es dann auch leider schon, was ich an Positivem sagen kann.

Ich habe seit langem nicht mehr so ein schlechtes Buch gelesen.
Dabei habe ich mich wirklich drauf gefreut, da ich viel spazieren gehe.
Das hier erscheint mir alles sehr sektenmäßig.
Ich will im Folgenden versuchen näher darauf einzugehen. 

Die Zitate stammen so aus dem Buch.

Wandern bedeutet hier im gegenwärtigen Moment zu sein, die
alltägliche Probleme hinter dir zu lassen, aber auch “durch ein
geheimes Tor in eine andere Bewusstseinsebene” zu treten. “Die Zeit
fließt, dein Geist öffnet sich. Du bekommst eine Menge magischer
Erfahrungen geschenkt – Erfahrungen, die nur für dich bestimmt
sind.” Es bedeutet, sich “der Gesellschaft zu widersetzen” und “die
Welt zu retten”. Okey

Zwischen durch schreibt sie Sachen, die man eindeutig unter “achtsam
sein” verbuchen kann und die wirklich schön sind. “Etwas bestimmtes
zu suchen und etwas anderes zu finden . […] Ein Buch, das im Regal
neben dem steht, das du gesucht hast.” Aber dann kommt sie wieder
mit dem Mystischen. “Wandern verändert tatsächlich unser
Bewusstsein. Wenn du kontinuierlich wanderst, wirst du irgendwann
Zugang zu diesem erweiterten Bewusstseinszustand erlangen. Du wirst
in der Lage sein, die Verbundenheit aller Lebenden zu erfahren.” Sie
meint hier scheinbar mehr als die normale Achtsamkeit. Sie redet vom
“kosmischen Bewusstsein”. “Oft wird das [Wandern] von einem
“elektrischen” Gefühl begeleitet, als ob deine Moleküle mit höchster
Frequenz schwingen. Vielleicht möchtest du am liebsten loslaufen und
schreien.” Verzeiht die unsachliche Bemerkung, aber ja, beim Lesen
dieses Buches wollte ich ziemlich oft schreiend davon laufen.

Dann fordert sie einen auf, nicht mit anderen über das Wandern zu
reden, wenn sie das nicht hören wollen, da viele dafür nicht offen
seien.
Also ich habe mich immer wieder gefragt: Ist das in Amerika wirklich
so ein großes Ding? Ich kam darauf, weil ich mal gelesen habe, dass
man in Amerika komisch angesehen wird, wenn man zu Fuß läuft. Aber
hier in Deutschland ist Wandern doch das normalste der Welt. Haben
wir Europäer das nicht erfunden? 😉
Es ist doch auch völlig normal, dass man die Natur genau wahrnimmt,
wenn man wandern geht. Ich war heute morgen im Wald. Der Frühling
sprießt, die Vögel singen, die Sonne schien – natürlich habe ich Ruhe und
Freude empfunden und Dankbarkeit, wie toll doch unsere Welt sein
kann. Sie dagegen nennt meine gerade aufgezählten Sachen
“Gipfelerlebnisse”. Sie macht ein riesiges Ding aus den normalsten
Sachen. Bzw diese ganze WanderSocity scheint ein riesiges Ding darauß zu
machen.
Sie verteilen Zettel in der Stadt, um auf ihre Bewegung aufmerksam zu
machen. Unter den praktischen Tipps wird auch erklärt, wie man selber so
einen Zettelkasten baut.

Was mich ziemlich geärgert hat, dass sie alles Elektronische
schlecht macht und dabei alle über einen Kamm schert.
Die Bewegung sei überhaupt erst als Gegenbewegung zu unsere
Gesellschaft entstanden. Interessant, dass als berühmte Mitglieder
aber lauter Tote aufgezählt werden. Aber dazu weiter unten mehr.      
Sie schreibt zB, wenn wir unsere freie Zeit mit Elektronik ausfüllen,
werden wir nie unsere innere Stimme hören. 

“Wir erfahren nicht, wer wir
sind, weil wir nicht hinhören.” (S. 31)
Das ist doch totaler Blödsinn. Nur weil ich in den sozialen Medien unterwegs bin, heißt das noch lange nicht, dass ich den inneren Kontakt zu mir selbst verliere.

“Unsere Intuition sendet uns häufig Botschaften, die gesellschaftlichen
Normen zu wiederlaufen. An einem heißen Tag sehnst du dich vielleicht
danach, nackt in einem See zu baden. Solche Sehnsüchte werden dir
verrückt und überspannt vorkommen.”  

Auch hier denke ich: Wo liegt ihr
Problem?! Also ich bin kein Nacktbader, aber frage mich trotzdem, warum
das jemandem verrückt und überspannt vorkommen soll? Und kann dabei nur
wieder denken: Ok, ist das wieder ein amerikanisches Problem? Dann frage
ich mich aber, was wir in Deutschland mit dem Buch anfangen sollen?
Ernsthaft.

Es folgt ein Kapitel, wie man die Geister anderer großer Wandere und
Denker herbeirufen kann…. Ich sag generell nichts dagegen, wenn jemand
daran glaubt. Aber dann soll das Buch doch bitte so gekennzeichnet
sein. Wenn man den Klappentext liest, kommt man doch nicht drauf, dass
es so dermaßen esoterisch ist.

Im Weiteren folgt eine Liste mit anderen Wanderern. Ich vermute mal, dass die
meisten sich “bedanken” würden, ungefragt in diese WanderSociety
aufgenommen worden zu sein. Aufgenommen wurde jeder großer Denker, der
gerne spazieren gegangen ist. Bei Aristoteles angefangen, Ludwig
Wittgenstein, Viginia Woolf, George Orwell, Charles Dickens, Oscar
Wilde, Hermann Hesse usw. . 14 Seiten mit berühmten Namen. Das macht
sich natürlich gut, sich mit diesen Namen zu schmücken. Mich dagegen
macht es echt ärgerlich. Vielleicht ist es Keri Smith entgangen, dass es
vor 110 Jahren noch keine Autos gab und man daher zwangsläufig viel
laufen musste.
Nur die wenigstens der aufgezählten Persönlichkeiten leben noch. Und
zumindest bei einem, nämlich bei dem Mönch Thich Nhat Hanh, kann ich
sagen: Mrs Smith hat seine Werke nicht verstanden. Oder nicht gelesen.

Dann folgen ein paar Tipps zur Geheimhaltung. Denn “die Gesellschaft hat
kein Verständnis”. “Niemand braucht etwas über deine Wanderungen zu
wissen.” Man soll zB Kleidung in gedeckten Farben anziehen.
Darunter ist ein Zitat von Virgina Woolf gesetzt, aus ihrem Roman Mrs
Dalloway, die sich am liebsten unsichtbar gemacht hätte. Wieder so was,
was mich total ärgert, weil das Zitat völlig aus dem Kontext gerissen
ist. Die Figuren in dem Roman haben nämlich eine Menge psychischer
Probleme. Das hat doch überhaupt nichts mit dem Wandern zu tun, wenn sie
sich unsichtbar machen will.


Ich kann hier nur ein Herz vergeben und das gilt allein der Aufmachung und Gestaltung des Buches. 
💖
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