[Rezension] Der Mann, der den Tod auslacht

[Rezension] Der Mann, der den Tod auslacht

2. September 2017 17 Von Petrissa
Der Mann, der den Tod auslacht
Begegnung aus meiner Reise durch Äthiopien
Autor: Philipp Hedemann
Verlag: Dumont Reiseabenteuer
Seiten: 272
Der deutsche Journalist und Autor lebte von 2010 bis 2013 in Addis Abeba, der äthiopischen Hauptstadt.
4 Monate lang reiste er quer durch Äthiopien. Am Anfang begleitete ihn sein deutscher Freund, der zu Besuch kam und ein illegaler Flüchtling aus Eritrea.
Später fuhrt er mit einer äthiopischen Ärztin weiter durchs Land.
Ohne Solomon, den Flüchtling, und Senait, der Ärztin, hätte er nicht diesen persönlichen Einblick in das Land und hinter die Türen der Häuser bekommen. Ein Land, in dem viele Leute hart daran arbeiten, dass sich das Bild von Äthiopien ändert, damit man mit dem Land nicht mehr die dicken Kinderbäuche von der Hungerkatastrophe aus den 80ziger Jahren erinnert.
Ein Land, in dem es gibt Menschen gibt, denen es kaum besser geht, als diesen Kindern damals.

Ein Land, in dem Mittelalter und Moderne nahe beieinander liegen.

Philipp Hedemann besuchte den Blauen Nil, der als heilig gilt. Egal ob Krebs oder HIV, dem Fluss und den Priestern vertraut man mehr als den Ärzten, von denen es aber auch wahrlich nicht viele gibt. Ein Arzt muss sich um 4545 Menschen kümmern. (Statistik 2007) In Deutschland sind es nicht mal 300.

Und selbst wenn die Eltern es einem Kind ermöglicht haben, zur Schule gehen zu können und zu studieren, heißt das noch lange nicht, dass man dann auch eine Arbeit bekommt.
Junge Männer, die Jura studiert haben, bekommen eine Kalaschnikow in die Hand gedrückt und werden zum Hilfssheriff.

Rund 60 km südlich zur Grenze des Erzfeindes Eritrea ist das Flüchtlingslager Mai Aini.
“Eine Stadt, wo eine Stadt eigentlich nichts verloren hat. Kein Fluss, kein Baum, kein Schatten, keine Grün – nur Staub!”
Hier warten die Leute seit Jahren, dass er eritreische Diktator endlich stirbt.

Sie besuchen das Kloster, in dem angeblich die 10 Gebote aufbewahrt werden, die aber niemand zu Gesicht bekommen darf.
Es geht durch die Wüste, wo immer wieder Menschen verschleppt werden und zu Dörfern, die Riten haben, die nach europäischen Maßstäben grausam wirken.

Das Buch hat mich geschockt. Es ist heftig zu lesen, aber sehr gut geschrieben.

“Äthiopier sind sehr stolz, doch wer in Piazza auf der Straße liegt, kann sich Scham und Würde meist nicht mehr leisten.
Auch Genet fragt mich nach Geld. Sie hat ihre Würde (noch?) nicht verloren. “Ich könnte als Hure zweihundert Birr pro Nacht verdienen, aber das mache ich nicht”, sagt die Zwanzigjährige, während sie ihrer fünf Monate alten Tochter Tsigenreda die Brust gibt. Zweihundert Birr sind rund acht Euro. […] Wenn es gut läuft, kommt sie am Tag auf fünfundzwanzig Birr, rund einen Euro. Davon müssen sie und ihre Tochter leben. Irgendwie. “Ich hatte mal einen Freund, der auf mich aufgepasst hat”, erzählte die zierliche Frau, die seit fünf Jahren in einem Pappkarton-Unterschlupf hinter einer Kirche wohnt. “Aber nachdem er mich geschwängert hatte, hat er mich verlassen. Jetzt passt meine Tochter Tsigereda auf mich auf. Sie vergewaltigen keine Frauen mit Babys”, sagt die Mutter […]””

In der Wüste ist die Beschneidung der Mädchen noch üblich.
In einer anderen Gegend werden Kinder umgebracht, wenn sie nicht nach bestimmten Regeln gezeugt werden, weil die Menschen Angst haben, dass dies Unglück über das Dorf bringt.

Aber es gibt auch Menschen, die daran arbeiten, all das zu verändern.

Ich würde Euch am liebsten das ganze Buch erzählen, weil es mich so sehr bewegt hat, noch immer bewegt. Manches kann man sich gar nicht vorstellen. Doch der Autor schreibt es auf eine Art, die einem nie das Gefühl gibt, man sei was Besseres.
Er schafft es, einem die Menschen ganz nahe zu bringen.

Ich kann Euch das Buch wirklich sehr ans Herzen legen. Auch wenn Ihr sonst keine Reisebücher lest, traut Euch, über den Tellerand zu gucken und mit P.Hedemann Äthiopien zu besuchen. Es ist eine (Lese)reise wert.
5 ♥ ♥ ♥ ♥ ♥

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