Rezension: Die Zeit ist kaputt |Klaus Kordon über Erich Kästner

Rezension: Die Zeit ist kaputt |Klaus Kordon über Erich Kästner

28. November 2021 6 Von Petrissa

Die Lebensgeschichte von Erich Kästner

Jeder kennt Erich Kästner. Seine Kindergeschichten sind weltbekannt. Doch längst nicht alle wissen, dass er auch für Erwachsene geschrieben hat. Und wenige Menschen kenne ich, die seine Erwachsenenbücher auch gelesen haben. Dabei waren Kinderbücher nicht sein Hauptgeschäft.

 

Klaus Kordon legt hier eine großartige Biografie über den Kinderbuchautor vor, der zu seiner Zeit ein scharfer politischer Kritiker und ein beim Volk beliebter Schriftsteller war.

Doch das Buch ist mehr als eine Biografie. Es erklärt uns viele Werke Kästners und letztlich ist es natürlich auch Zeitgeschichte.

 

Kästner wird am 23. Februar. 1899 in Dresden geboren. Sein Vater ist nicht sein Erzeuger und seine Mutter schließt ihren Ehemann zeitlebens aus der Beziehung zu ihrem Sohn aus. Kästner hat zu seiner Mutter eine so symbiotische Beziehung, dass Sigmund Freud seine helle Freude daran gehabt hätte.

Hier verflog mein warmes Gefühl, welches ich durch Kästners Buch „Als ich ein kleiner Junge war“ gegenüber seines „Muttchens“ hatte, doch am Ende des Buches holte es mich wieder ein.

So ist eben Leben, mit all seinen Verstrickungen den Eltern gegenüber.

Die Zwanziger und Dreißiger in Berlin

Kästner wohnte in den Zwanziger Jahren in Berlin. Es war ein Eldorado der Künstler. Wen Kästner nicht alles kannte, mit wem er nicht alles befreundet war. Eugen Roth, Carl Zuckmayer, Mascha Kaléko, Ringelnatz, Tucholsky und viele andere. Beruflich war es seine beste Zeit.

„Schließlich hat er sich etwas vorgenommen: Er will sich als Autor durchsetzen – genau dort, wo die Konkurrenz am größten ist. Deshalb arbeitet er in diesen fünfeinhalb Jahren, die ihm bleiben, wie ein Besessener, schreibt Romane, Kinderbücher und Gedichte, textete fürs Kabarett, verfasste Filmdrehbücher und publiziert in den verschiedensten Zeitungen […].

Respektlos, spritzig, oft frivol, plaudert er über den Kulturbetrieb der Zwanzigerjahre, glossiert die Kinoszene, merkt Politisches an, kritisiert immer wieder Militarismus, Chauvinismus und den ewigen Spießer in Deutschland. Er schuftet, als ahnt er, wie begrenzt diese seine fruchtbarste Schaffensperiode ist.“

Die rechte Presse prangert Kästner schon vor der Machtübernahme Hitlers an, doch das Volk liebt seine Verse. Egal ob einfacher Arbeiter oder Akademiker. Kästner „trifft das Lebensgefühl seines großstädtischen Publikums“.


Wie überlebt ein unerwünschter Autor das Nazi-Regime? Obwohl Kästner frühzeitig vor den Nazis warnte, unterschätzte er sie gleichzeitig. Meiner Meinung nach, überlebte er die Zeit mit mehr Glück als Verstand.

Er war übrigens als einziger Autor bei der Verbrennung seiner Bücher anwesend.

Kästners Werke

Sehr interessant fand ich, dass viele Werke Kästners autobiografische Inhalte haben. Bei „Fabian“ wusste ich es, aber auch in „Emil und die Detektive“ schreibt er von sich, seiner Cousine und seiner Mutter. (Sein Zweitname ist Emil). Klaus Kordon analysiert Gemeinsamkeiten in Kästners Romanen und macht das ganz leichtfüßig. Überhaupt liest sich das ganze Buch wie ein spannender Roman.

 

Ich würde am liebsten alle Post-its zitieren. Es fällt mir schwer, mich in dieser Rezension zu begrenzen. Das Buch hat viele Gefühle in mir geweckt. Das ist mehr, als man von einer Biografie erwarten kann.

 

Die Zeit nach dem Krieg hat mich aus unterschiedlichsten Gründen am traurigsten gestimmt.

 

Während man besonders in angelsächsischen Ländern seine Werke analysiert, wird er hier mit einem Lob abgespeist.

„Heute hat Kästner einen gesicherten Platz nur noch als Kinderbuchautor. Das ist viel für einen Autor, dessen Romane für Kinder vor über achtzig und vor mehr als fünfzig Jahren erstmals erschienen. Und ist doch zu wenig für einen der vielseitigsten deutschen Schriftsteller und Zeitungskritiker dieses Jahrhunderts.“

Fazit:

Es ist eine der besten Biografien, die ich je gelesen habe. Leichtfüßig, aber nicht oberflächlich, analysierend, aber nicht trocken führt uns Klaus Kordon durch das Leben eines Mannes, dessen Werke und Ansehen die Nazis nicht dadurch vernichtet haben, dass sie seine Werke verbrannten, sondern dass sie ihn zum Kinderbuchautor stilisiert haben.

 

5 ♥ ♥ ♥ ♥ ♥

(Warum das Buch als Kinder- und Jugendbuch ausgeschrieben ist, ist mir ein Rätsel. Es ist definitiv kein Kinderbuch, sondern eine ganz normale Biografie.)

Die Zeit ist kaputt

Die Lebensgeschichte von Erich Kästner

Autor: Klaus Kordon

Verlag: ‎ Gulliver von Beltz & Gelberg; TB 2002

(Erstausgabe 1997)

ISBN: ‎ 978-3407757968

Seiten: 315

 

„Und immer wieder schickt ihr mir Briefe,

in denen ihr, dick unterstrichen, schreibt:

„Herr Kästner, wo bleibt das Positive?“

Ja, weiß der Teufel, wo das bleibt.“

 

Buchtipps zu Kästner:

Eines meiner absoluten Lieblingsbücher von ihm ist die Komödie „Drei Männer im Schnee“. Ebenso sehr mochte ich „Als ich ein kleiner Junge war“. In dem Buch schildert Kästner Passagen aus seiner Kindheit und aus den 30ziger Jahren in Berlin.

Über das Verbrennen von Büchern“ hat mich sehr bewegt.

FabianbzwDer Gang vor die Hunde“ ist sein bekanntestes Erwachsenenbuch. Er wollte das Buch ursprünglich „Sodann & Gemorrha“ nennen, was der Verlag nicht akzeptierte, ebenso wie den Titel „Der Gang vor die Hunde“. Der Verlag strich ebenfalls einige Kapitel und das Nachwort. Im Atrium-Verlag gibt es das Buch inzwischen so, wie Kästner es gedacht hatte. Die Stimmung im Roman ist sehr schwer.

Der Herr aus Glas“ habe ich selbst noch nicht gelesen, hört sich aber sehr interessant an, da ihr viele Texte von Kästner gesammelt wurden, die nur in Tageszeitungen erschienen sind.

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